1 mm

Es geht um Millimeter

Für viele Lebensmittel gibt es Regeln, die den Genuss fördern. Sie sind zwar nicht strikt zu befolgen und eine Nichtbeachtung bleibt straffrei, aber sie haben sich über die Zeit und Generationen bewährt. Diese Richtlinien können das Leben angenehmer und geschmackvoller machen und aus jedem Stoff das Köstlichste hervorheben. Bier muss kalt sein, damit es schmeckt. Teewasser sollte man auf 80°C abkühlen lassen, bevor man die Blätter überbrüht. Rotwein entfaltet seine ganze Fülle, wenn er mindestens zwei Stunden vor dem Trinken gelüftet wird. Käse will bei Zimmertemperatur verkostet werden, nur so spielt er alle seine Stärken aus. Und der Neuburger schmeckt dann am besten, wenn er hauchdünn aufgeschnitten wird.
 

LANGE VERKOSTUNGSREIHEN HABEN ERGEBEN, DASS 1 MM DIE IDEALE STÄRKE EINES NEUBURGER-BLATTES IST.
 

Warum das so ist, erklären die Wissenschaftler von der HTL für Lebensmitteltechnologie und Fleischwirtschaft in Hollabrunn so: Ein dünnes Blatt besitzt im Verhältnis zu seinem Volumen eine größere Oberfläche. Dadurch gelangen mehr Aromastoffe an die Papillen der Zunge, von denen ein Erwachsener rund 5000 besitzt und die ihn befähigen, zwischen sauer und süß, salzig und bitter zu unterscheiden.
 

Weinkenner spülen einen edlen Tropfen beim Verkosten durch den ganzen Mundraum und spüren den Nuancen von „fruchtig“ bis „blumig“, von „zart“ bis „rassig“ mit verzückter Miene nach. Genauso können Sie beim Neuburger vorgehen. Geben Sie ihn eine Viertelstunde vor der Verkostung aus dem Kühlschrank, damit er sich erwärmen kann. Nehmen Sie das dünne, 1 mm starke Blatt locker auf eine Gabel - jede verständnisvolle Verkäuferin, jeder kundige Verkäufer an der Wurst- und Fleischtheke wird Ihnen den Neuburger so aufschneiden. Führen Sie ihn zum Mund und schließen Sie die Augen. Bewegen Sie ihn im Mundraum hin und her, damit alle Ihre Geschmacksknospen in den Genuss des Neuburgers kommen, und assoziieren Sie frei und ungeniert, was Ihnen in den Sinn kommt: Anklänge an ein saftiges Schnitzerl könnten Sie wahrnehmen, mild und flaumig wäre eine Beschreibung, oder zart nussig, ah - da durchströmt Sie eine Erinnerung an frischen Spargel, oder nein: Mutters Schmalztopf gemischt mit herben Moostönen, und ein Herbstwind, der aus dunklem Wald das Aroma von Schwammerln herüberträgt. Ihrer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Sollten Sie in diesem Andachtsmoment von einem Ihrer Lieben überrascht werden, stecken Sie ihm auch ein Blatt Neuburger in den Mund und lassen Sie ihn probieren. Wahrscheinlich nennt die andere Person ganz unterschiedliche Begriffe. Geschmack ist subjektiv und man kann herrlich, lange und köstlich darüber streiten. Und dabei entdeckt man, welch große Geschmacksvielfalt im Neuburger wohnt.